sis-a Sustainable Information Society Austria
 

Die Entwicklung der Informationsgesellschaft aus globaler Sicht

Dr. Thomas Schauer, FAW Ulm

Durch die Informationstechnologie könnte der Traum von der Vereinbarkeit wirtschaftlichen Wachstums, hoher Beschäftigung und Umweltschutz verwirklicht werden. Durch Informationstechnologien könnten reale Produkte ebenso wie Dienstleistungen immer mehr durch virtuelle Vorgänge ersetzt werden. Wie beim Übergang von der Agrargesellschaft zur Industriegesellschaft könnte eine tiefgehende Transformation stattfinden. Die zentrale Frage für unsere zukünftige Entwicklung wird sein, ob uns die Informationstechnologie dabei helfen kann, unseren Ressourcenhunger einzudämmen oder ob sie ihn ansteigen lässt.

Zwei widersprüchliche Thesen: Substitution oder Addition des Ressourcenverbrauchs?

Wenn sich das Leben der Menschen in immer höherem Maße in Cyberwelten abspielt, würde der Ressourcenverbrauch im realen Leben zurückgehen. Diese "Substitutionshypothese" geht davon aus, dass die Informationsgesellschaft die Industriegesellschaft teilweise ersetzt. So wie beim Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft verändert sich unser Alltag tiefgreifend, sodass immer mehr Aktivitäten virtuell in Cyberwelten stattfinden könnten und dadurch der Ressourcenverbrauch verringert wird. Unterstützt wird diese Hypothese durch Untersuchungen über die Verbreitung post-materialistischer Werthaltungen bei der Bevölkerung und durch die enormen Fortschritte in der Effizienz von Computern. Nach dem Moore´schen Gesetz verdoppelt sich die Leistungsfähigkeit der Rechner seit Jahrzehnten etwa alle 18 Monate. Hätten sich Autos ähnlich rasant entwickelt, könnten wir heute mit einer Tankfüllung in einer Stunde eine Million Kilometer fahren.

Allerdings hält die Substitutionshypothese kaum einer kritischen Betrachtung stand. Bereits der Vergleich der IT-Revolution mit der industriellen Revolution legt ganz andere Schlussfolgerungen als jene der "Substitutionshypothese" nahe. Die Industriegesellschaft hat die Agrargesellschaft nur insofern ersetzt, als dass Arbeitnehmer aus der landwirtschaftlichen Produktion in die Industrieproduktion wechselten. Auf der materiellen Ebene hat sich die Industrie zusätzlich zum Agrarsektor etabliert. Nach der Industrialisierung wurden nicht weniger Agrarprodukte erzeugt, sondern mehr - ausgelöst durch neue industrielle Produkte wie Kunstdünger oder technische Geräte zur Mechanisierung der Landwirtschaft.

Heute stehen wir vor dem gleichen Phänomen. Die Arbeitskräfte wandern vom Industriesektor in den Dienstleistungs- und Informationsbereich, während auf der Produktionsebene wieder ein additiver Effekt eintritt. Die industrielle Produktion wird nicht ersetzt oder gesenkt, sondern die Produktivität wird mithilfe der neuen Technologien gesteigert. Die erzielten Effizienzgewinne durch die Verwendung der Informationstechnologien werden über niedrigere Preise an den Markt weitergegeben und stimulieren den Konsum. Angeboten werden eine Reihe neuer Geräte und Services, die kaum bisherige Güter und Dienstleistungen ersetzen. Das höhere Konsumniveau schlägt sich in einem wachsenden Material- und Energieverbrauch nieder, der auch als Rebound-Effekt der Informationsgesellschaft bezeichnet wird. Deshalb geht die Additionshypothese davon aus, dass die IT-basierte Dienstleistungsgesellschaft die Industriegesellschaft nicht ersetzt, sondern sich zusätzlich etabliert.

Der Lebensstil als zentrale Determinante für den Ressourcenverbrauch

Stellt man den derzeitigen Energieverbrauch einzelner Länder räumlich dar, so nehmen Länder wie China und Indien einen relativ kleinen Raum ein, während die USA und Europa im Energieverbrauch dominieren. 20 Prozent der Weltbevölkerung verbrauchen derzeit noch immer 80 Prozent der weltweiten Material- und Energieflüsse.

Wenn die Weltbevölkerung bis zum Jahr 2050 auf 10 Milliarden anwächst und sich an der Energieverteilung nicht wesentlich etwas ändert, dann steigt der Ressourcenverbrauch trotz Bevölkerungswachstum im Vergleich zu heute nicht sehr stark an. Wenn aber immer mehr Menschen unseren ressourcenintensiven westlichen Lebensstandard annehmen und gleichzeitig das Wirtschaftswachstum pro Jahr bei rund 3 Prozent liegt, dann könnte der Ressourcenverbrauch 2050 mehr als das 25fache im Vergleich zu heute betragen. Gleichzeitig ist ein wichtiges Ziel, die weltweite Verteilung der Ressourcen in Zukunft gerechter zu gestalten. Hier ergibt sich durchaus ein Konfliktpunkt zwischen der ökologischen und sozialen Dimension der Nachhaltigkeit. Problematisch ist also nicht allein das Bevölkerungswachstum, sondern als zentraler Punkt der Lebensstil in den jeweiligen Ländern oder in unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen.

Computer & Co als Energiefresser

Unser Energieverbrauch steigt kontinuierlich an. Vor allem die westlichen Industrieländer haben einen sehr ressourcenverschlingenden Lebensstil. Würde der intelligente Kühlschrank in Europa zum Standard, bräuchte man allein dafür etwa 1,5 Gigawatt Energie. Solche und ähnliche Geräte saugen ständig Energie, in geringer Menge zwar, aber in Summe ergibt sich daraus ein immenser zusätzlicher Energieverbrauch. Autos verbrauchen beispielsweise erheblich Energie (durchschnittlich 55 Kilowatt). Der Mensch benötigt demgegenüber zirka 100 Watt, ein Computer etwa gleich viel, genauso wie ein Monitor. 100 Watt klingt zwar wenig, aber wenn man von der Informationsgesellschaft für alle spricht, kommt hier einiges an Energiebedarf zusammen. Insbesondere höhere Rechenleistungen von Computern verursachen einen höheren Energieverbrauch. Durch die jährliche Energieaufnahme ergeben sich erhebliche Umweltbelastungen.

Aber nicht nur der Betrieb von PCs verschlingt permanent Energie. Die Herstellung eines Computers braucht ca. 25 Millionen Kilojoule - für ein Gerät, das nicht länger als 4 Jahre in Betrieb ist. Demgegenüber benötigt die Herstellung eines Fernsehers ca. 23 Millionen Kilojoule, hat aber eine durchschnittliche Nutzungsdauer von 12 Jahren.

Vor kurzem wurde die Elektronikschrott-Verordnung auf europäischer Ebene beschlossen. Die Frage stellt sich nur, wie weit sie umgesetzt werden kann. Hier hat das Konsumentenverhalten einen entscheidenden Einfluss. Die heutigen Produkte sind derart klein, dass es naheliegend ist, sie im Hausmüll zu entsorgen. Gleichzeitig ist die in der EU-Richtlinie festgeschriebene Sammelverpflichtung sehr gering: bis 2006 beträgt sie 4 Kilogramm pro Einwohner und Jahr. Momentan werden in einigen Ländern aber bereits 6 Kilogramm Elektronikschrott pro Kopf und Jahr gesammelt.

Rebound-Effekte: Die Folgen auf den zweiten Blick

Experten prophezeiten, dass beispielsweise das Reisen durch leichteren Informationszugang sowie durch die elektronische Kommunikation überflüssig werden. Eingetreten ist allerdings genau der entgegengesetzte Effekt. Telekommunikation hat die Mobilität nicht ersetzt. Vielmehr stimuliert die Kommunikation mit Menschen an entfernten Orten zunehmend auch unsere Reisefreudigkeit.

  • In Europa ist eine Zunahme des Personenverkehrs zu verzeichnen, obwohl der internationale Telefonverkehr in den zweistelligen Bereich gewachsen ist. Offensichtlich hat ein Mehr an Telekommunikation nicht zu einer geringeren Mobilität geführt.
  • Außerdem ist in Europa ein paralleles Wachstum von wirtschaftlicher Aktivität und Gütertransport ersichtlich. Durch E-Commerce wird auch die Reichweite und Transportdistanzen erhöht. Das Transportaufkommen wird sich in diesem Bereich speziell für kleinere Transporteinheiten erhöhen.
  • Die Art des Gütertransports entwickelt sich derzeit auf die ökologisch ungünstigste Art und Weise: der Transport auf der Strasse steigt drastisch an, jener auf der Bahn geht zurück.

Immer wieder wird auch vom Potential der Informationstechnologie für einen sinkenden Papierverbrauch gesprochen - theoretisch. Tatsächlich liegt derzeit der jährliche Papierverbrauch in Europa mit durchschnittlich 200 Kilogramm pro Person so hoch wie nie zuvor. Der Pro-Kopf-Verbrauch in Nordamerika beträgt sogar mehr als 330 Kilogramm im selben Zeitraum. Zum Vergleich: Afrika verbraucht jährlich nur rund 6 Kilogramm Papier pro Kopf.

Strategien: Bewusstseinswandel oder mehr Staat?

Grundsätzlich werden die Strategien für eine Nachhaltige Informationsgesellschaft auf zweierlei Weise argumentiert:

  • Über einen Bewusstseinswandel und verantwortliches Handeln bei der Bevölkerung, die kaum gesetzliche Regelungen und Standards benötigt.
  • Über neue Rahmenbedingungen und Gesetze, denn solange es keine Regeln gibt, wird sich das Verhalten nicht entscheidend ändern.

Verschiedene Interessenslager befürworten jeweils eine der beiden Argumentationen. Untersucht man die Strategien im Detail, so ist zu vermuten, dass höchstwahrscheinlich keine der beiden allein zu positiven Ergebnissen führen wird.

Ökoschizophrenie zwischen Bewusstsein und Verhalten

Der Bewusstseinsstrategie liegt eine Kaskade zugrunde: Wir informieren die Menschen, die daraufhin ihr Bewusstsein verändern und letztlich ihr Verhalten umstellen. Es stellt sich also die Frage, warum wir noch keine nachhaltige Gesellschaft haben? Wo ist diese Kaskade unterbrochen? Der Mangel an Information kann im Informationszeitalter nicht das Problem sein. Die Wirkungskette scheint zwischen Bewusstsein und Verhalten unterbrochen zu sein.

Diese Annahme wird durch Untersuchungen unterstützt:

80 Prozent der Deutschen behaupten, sie würden bewusst zum Umweltschutz beitragen. Untersucht man dann, was die Menschen wirklich tun, kommt etwas ganz anderes dabei heraus: Das am umweltbewusstesten eingestellte Drittel der Deutschen fährt bevorzugt mit Auto oder Flugzeug auf Urlaub. Die Einsparung von Warmwasser, der höchste Energieverbraucher im Haushalt, kümmert die Leute nur teilweise.

Zwischen Bewusstsein und Verhalten liegt also eine große Diskrepanz, die auch als Ökoschizophrenie bezeichnet werden kann. Die Diskrepanz ergibt sich aus der Tatsache, dass ein nachhaltiger Lebensstil nicht besonders attraktiv ist. Denn der Prototyp eines nachhaltigen Menschen würde etwa

  • in einer kleinen Wohnung leben
  • das Licht nur in einem Raum einschalten
  • Heizung und Wasserverbrauch reduzieren
  • kein Auto besitzen
  • keine Flugreisen unternehmen
  • Einkaufstaschen wiederverwenden
  • keine exotischen Früchte kaufen

Das Schizophreniemuster findet sich auch im Industriebereich: 65 Prozent der Unternehmen im Bereich E-commerce behaupten, dass Umweltthemen sehr wichtig sind für ihr Unternehmen und E-commerce einen Beitrag dazu leistet. Der Großteil kümmert sich aber nicht darum, die Umweltauswirkungen zu messen oder die Mitarbeiter darüber zu informieren.

Zur gestaltenden Rolle der Politik

Die Rahmenbedingungen und Programmentwicklung der Politik hat durchaus Einfluss auf die Gesellschaftsentwicklung. In der Ära Kohl gab es in Deutschland beispielsweise einen drastischen Anstieg der Sozialabgaben und eine Zunahme der Einkommenssteuern, während die Belastungen für den Umweltverbrauch relativ gesehen zurückgegangen sind. Diese Entwicklung hatte den Effekt, dass die Arbeitsproduktivität stark zugenommen hat (plus 200 Prozent), während die Ressourcenproduktivität im selben Zeitraum nur zwischen 30 und 50 Prozent zulegen konnte. Steuern sind also wichtige Lenkungsmaßnahmen. Warum steuern wir dem hohen Ressourcenverbrauch nicht mit einer ökologischen Steuerreform entgegen?

Leider kann bereits der Vorschlag veränderter Rahmenbedingungen scheitern, wenn das entsprechende Bewusstsein bei der Bevölkerung nicht vorhanden ist. Hier spricht man von der "demokratischen Bremse", das sind die Wähler. Ein Beispiel sind die Deutschen Grünen, die noch 1997 bei 12 Prozent Stimmenanteil lagen. Der Entwurf ihres Wahlprogramms sah eine Erhöhung des Benzinpreises vor und wurde zunächst in den Medien nicht diskutiert. Erst als es zu heftigen Diskussionen darüber in der Öffentlichkeit kam, ist in der Folge der Stimmenanteil der Grünen drastisch gesunken.

Fazit: Nachhaltige Entwicklung braucht beide Strategien

Wir haben es bei Lösungen einerseits mit einem Bewusstseinsansatz zu tun, der gebremst wird von einer Ökoschizophrenie. Andererseits wird eine Veränderung der Rahmenbedingungen durch die demokratische Bremse der Bevölkerung blockiert. Allerdings kann es durch Maßnahmen zur Bewusstseinserweiterung gelingen, diese Bremskraft zu reduzieren. Umgekehrt können durch veränderte Rahmenbedingungen in der Politik die Phänomene der Umweltschizophrenie eingedämmt werden. Das FAW Ulm ist derzeit dabei, darüber umfassende Untersuchungen anzustellen.

Die Studien "Internet für alle - Chance oder Zumutung" und "Lifestyles, Future Technologies and Sustainable Development" sind auf der Website des FAW Ulm abrufbar.

Symposium SISA 2002

Symposiumprogramm
Teilnehmer und Teilnehmerinnen
Eröffnung und Impulsreferate
SISA und die Österreichische Nachhaltigkeitsstrategie
Dr. Peter Iwaniewicz, BMLFUW
Eine nachhaltige Informationsgesellschaft braucht institutionelle Verankerung<br>Prof.Dr.Uwe Schnedidewind, Uni Oldenburg Eine nachhaltige Informationsgesellschaft braucht institutionelle Verankerung
Prof.Dr.Uwe Schnedidewind, Uni Oldenburg
Die Netze der Zukunft spannen - Welchen Beitrag können Telekom-Unternehmen für eine Nachhaltige Informationsgesellschaft leisten?
Mag.Alois Schrems, Telekom Austria
Die Entwicklung der Informationsgesellschaft aus globaler Sicht<br>Dr.Thomas Schauer, FAW Ulm Die Entwicklung der Informationsgesellschaft aus globaler Sicht
Dr.Thomas Schauer, FAW Ulm
Arbeitskreise
Empfehlungen von SISA 2002
 
Diese Veranstaltung wird vom Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft und der Telekom Austria unterstützt.