sis-a Sustainable Information Society Austria
 

Eine nachhaltige Informationsgesellschaft braucht institutionelle Verankerung

Prof. Dr. Uwe Schneidewind, Carl-von-Ossietzky Universität Oldenburg

Prof. Dr. Uwe Schneidewind Durch den Bedeutungszuwachs der Informations- und Kommunikationstechnologien in sämtlichen Wirtschafts- und Lebensbereichen kommt das derzeitige gesellschaftlich-organisatorische Gefüge in Bewegung. Die sozialen und ökologischen Folgen, die sich daraus ergeben, sind gravierender als erwartet. Über die Ansatzpunkte für eine Gestaltung wird in Deutschland und der Schweiz derzeit eine intensive Debatte geführt.

Wie hängen Nachhaltigkeit und Informationstechnologien zusammen?

Die Vieldimensionalität der Effekte, die von den neuen Medien ausgehen, lässt sich folgendermaßen zusammenfassen und systematisieren:

  1. Direkte Effekte
    • Im Ökologie-Bereich:
      gesteigerter Material- und Energieverbrauch für die Produktion der IT-Geräte, neue Entsorgungsproblematik der Altgeräte und Gefahren durch Elektrosmog
    • Im sozialen Bereich:
      Veränderungen im allgemeinen Gestalten der Lebens- und Arbeitswelt durch den Umgang mit Internet und Rechner; Problembereiche wie Vereinsamung und soziale Verarmung
    • Im ökonomischen Bereich:
      unmittelbare volkswirtschaftliche Effekte und induzierter Strukturwandel, Wachstumspotentiale durch neue Geräte, Infrastruktur und Dienste
  2. Indirekte Effekte auf der ersten Ebene
    • Ernüchterung im Ökologie-Bereich: die Rebound-Effekte
      Mit den neuen Technologien ist die Hoffnung verbunden, eine ökologische Einsparung zu erzielen, beispielsweise durch weniger Reisen oder die Fiktion vom "papierlosen Büro". Hier stellt sich aber die Effizienzfalle, die einen Bumerang-Effekt oder Rebound-Effekt auslöst. Dadurch, dass ich mithilfe der neuen Technologien auf etwas günstiger und effizienter zurückgreifen kann, wird auch mehr konsumiert. Wenn der Papier-Ausdruck nur einen Tastendruck entfernt ist, wird das auch gemacht. Früher wurde eine Diplomarbeit maximal ein- bis zweimal gedruckt, heute oft 50 Mal und mehr. Im Bereich der Telekommunikation gibt es empirische Studien, dass gerade die Manager, die sehr intensiv neue Informationstechnologien einsetzen, z.B. bei Videokonferenzen, weit mehr reisen als andere, weil die Geschäftskontakte durch die Effizienz der Technologie intensiver werden. Diese Rebound-Effekte führen insgesamt eher zu einem ansteigenden Ressourcenverbrauch.
    • Im sozialen Bereich:
      Digital Divide und sozialer Ausschluss im Zugang zu den IuK-Technologien sind nicht nur global sondern auch national zu beobachten. Weitere Themen, auf die sich die Digitalisierung auswirkt, sind das Recht auf Privatheit (Privacy Policy) und der Datenschutz.
    • Im ökonomischen Bereich:
      Mit den neuen Technologien wird ein globaler Marktzugang erst möglich. Die Investitionen in die informationstechnische Infrastruktur ist wichtige Voraussetzung für den wirtschaftlichen Erfolg.
  3. Indirekte Effekte auf der zweiten Ebene Durch die IuK-Technologien selbst ergeben sich neue Steuerungs- und Gestaltungsmöglichkeiten im politischen und gesellschaftlichen Bereich, um mit den Herausforderungen der moderner Gesellschaften umzugehen:
    • International agierende NGOs im Umwelt- und Sozialbereich haben mit dem Internet die Möglichkeit, ehrenamtliches Engagement so zu bündeln, dass auf der ganzen Welt Menschen gegen bestimmte Dinge protestieren können.
    • Die neuen Medien sind für die Zivilgesellschaft wichtige Informations- und Kommunikationsstrukturen, die eine breitere politische Partizipation ermöglichen.

Thesen zur Nachhaltigkeit in der Informationsgesellschaft

  1. Die indirekten Effekte sind für die Nachhaltigkeit die zentralen Effekte.
    Das bedeutet gleichzeitig, dass sich viele indirekten Effekte aus der 2. Ebene erst ergeben und dass sie gestaltet werden können. Dies kann dadurch erfolgen, indem neue institutionelle Strukturen für eine nachhaltige Entwicklung errichtet werden. Zentrale Gestaltungsmittel einer Nachhaltigen Informationsgesellschaft sind Kooperationen und Netzwerke. Hier sind allerdings noch viele Hausaufgaben zu machen.
  2. Nachhaltigkeit erfordert ein Reorganisationsprogramm für Gesellschaft und Wirtschaft.
    Vertieft man sich in die Nachhaltigkeitsproblematik, so ist zu erkennen, dass es sich im Kern um ein Organisationsproblem moderner Gesellschaften handelt. Moderne Industriegesellschaften haben ihre Produktivität dadurch erreichen können, dass sie sich zunehmend ausdifferenziert haben. Die Fokussierung und Selektion der Aktivitäten hat eine extrem hohe Produktivität ergeben. Die Ausdifferenzierung in spezialisierte Teilsysteme wie z.B. Markt, Medien oder Politik reduzierte aber gleichzeitig die Komplexität möglicher Ereignisse. Der wirtschaftliche Fortschritt der letzten 50 Jahre war auch mit erheblichen ökologischen, sozialen aber auch ökonomischen Nebenfolgen verbunden, die seine positiven Effekte reduzieren.

Herausforderungen für eine Nachhaltige Informationsgesellschaft

Wie können wir die Gesellschaft reorganisieren, damit sie mit den ökologischen und sozialen Herausforderungen besser umgeht und sich als Ganzes stabilisiert? Die folgenden Organisationsherausforderungen sind für die Gestaltung einer nachhaltigen Gesellschaft zentral:

  1. Selbstorganisation und Partizipation
    Die großen ökologischen und sozialen Probleme können nicht mit klassischen staatlichen Mechanismen in den Griff bekommen werden. Der Staat allein ist mit dieser Rolle zunehmend überfordert. Nur wenn Unternehmen ihre Verantwortung wahrnehmen, werden wir zu Regulierungsstrukturen kommen, die der neuen Qualität der indirekten Effekte gerecht werden. Das Selbstorganisationspotenzial zur Problembewältigung muss in allen gesellschaftlichen Teilbereichen gestärkt werden. Die Vernetzung und Organisation entsprechender Akteure, wie beispielsweise Kooperationen zwischen Unternehmen und Umweltorganisationen, ist dafür zentral.
  2. Reflexivität
    Fehlendes Wissen zur Wahrnehmung von Problemlagen ist oft Ursache für nicht nachhaltige Entwicklungen in den einzelnen Bereichen. Die Folgen zeigen sich erst viel später. Vieles ist in den Griff zu bekommen, wenn man die Folgen frühzeitig weiß. Der Abbau von Kommunikationsbarrieren und die Erhöhung der Kapazitäten zur umfassenden Folgenwahrnehmung sind die Voraussetzung dafür.
  3. Macht- und Konfliktausgleich
    Oft scheitert die Umsetzung ökologischer und sozialer Anliegen nicht nur am Wissen, sondern an den Interessenskonflikten, beispielsweise zwischen ökonomischen Interessen einzelner Gruppen und wünschenswerter Umsetzung ökologischer und sozialer Ziele anderer. Um Gleichgewicht zu erreichen, müssen alle unterschiedlichen Interessen in den Diskurs eingebracht werden können. Nicht das beste Argument soll sich durchsetzen, sondern jenes, das mit Fachwissen und Expertise unterstützt werden kann.
  4. Innovation in den Organisationsmustern
    Wir brauchen eine Gesellschaft, die Spaß daran hat, neue Organisationsformen auszuprobieren. Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist eine gleichmäßige Verteilung der Innovationsressourcen und entsprechende Vernetzungen zwischen den Teilsystemen zur Innovationsförderung notwendig. Derzeit gibt es ein Ungleichgewicht auf der technologischen Seite, z.B. bei großen Automobilherstellern sind 50 Entwicklungsingenieure keine Seltenheit.

Fazit zur nachhaltigen Informationsgesellschaft

  • Wir brauchen einen institutionellen Zugang zum Thema Nachhaltigkeit, der uns für die Herausforderungen jenseits der direkten Effekte der Informationsgesellschaft sensibilisiert.
  • Die Informationsgesellschaft führt nicht automatisch zu mehr Nachhaltigkeit. Die Probleme und Potenziale müssen auf allen Ebenen aktiv angegangen werden.
  • Diejenigen, die das anzugehen haben, befinden sich auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Nicht nur die Politik, auch Unternehmen und NGOs sind hier gefordert.

Symposium SISA 2002

Symposiumprogramm
Teilnehmer und Teilnehmerinnen
Eröffnung und Impulsreferate
SISA und die Österreichische Nachhaltigkeitsstrategie
Dr. Peter Iwaniewicz, BMLFUW
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Arbeitskreise
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Diese Veranstaltung wird vom Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft und der Telekom Austria unterstützt.